Stellungnahme zum Rechenschaftsbericht des Rektors für die Amtszeit 1999/2000

Frau Dr. Margret Schuchard im Namen der Gruppe Wissenschaftlicher Dienst, vorgetragen in der 43. und letzten Sitzung des Großen Senats am 5.6.2000

Der Rechenschaftsbericht des Rektors präsentiert eine beeindruckende
Selbstdarstellung der Universität in großer Breite und Vielfalt,
imponierend in der Zusammenschau von Tradition und Innovation. Wir
sehen an diesem Bericht die Kritik der Politik, die Universität sei zu
schwerfällig, um sich als Institution zu reformieren, ganz klar
widerlegt und finden den Leitspruch unserer 600-Jahrfeier Aus Tradition
in die Zukunft abermals bestätigt. Der akademische Mittelbau möchte dem
Rektorat Dank sagen für sein Engagement und seine Arbeit im vergangenen
Jahr.

Ein Rückblick auf die nun zuendegehende dreißigjährige Geschichte des
Großen Senats zeigt, daß er sich immer wieder mit "Ungeklärten
Problemen" zu befassen hatte (so die Überschrift eines unispiegels von
1970). Als ich 1978 zum ersten Mal für den Großen Senat kandidierte, war
das beherrschende Thema die leidenschaftlich umstrittene Auflösung des
Collegium Academicum. Andere Themen von damals sind aber noch so aktuell
wie eh und je: Die restriktiven Haushaltsmaßnahmen und die
Stellenstreichungen aufgrund des Strukturplanes (von 1977), die
schwierige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses (die zur
Einführung des Heisenberg-Programms führte), Regelstudienzeiten und
Kurzstudiengänge. "Kurzstudiengänge als Patentrezept zur
Studienreform?" lautete schon damals eine Schlagzeile. Am Beginn der
Arbeit des Großen Senates standen heftige Auseinandersetzungen, die bis
zu Boykotts einzelner Gruppen führte, dann folgte eine Periode lebhafter
und lebendiger Debatte, die schließlich vom Austausch ritualisierter,
langweiliger Statements abgelöst wurde, bis sich zuletzt der Große Senat
geradezu selbst aufgegeben hat. Wir hoffen und wünschen, daß die
notwendige Pflege öffentlicher Argumentation unter den neuen Bedingungen
nicht vernachlässigt werden wird.

Der vorliegende Rechenschaftsbericht, so gelungen er im ganzen ist,
enthält jedoch einen blinden Fleck. Anders gesagt und aus einem anderen
Zusammenhang zitiert: Es muß da ein besonderes schwarzes Loch geben.
Einen gierigen Malstrom, in dem Materie sich verdichtet und der gezielt
eine einzige Gruppe der Universität verschluckt. Nichts bleibt von ihr
als das Nachleuchten ehemaliger Existenz. Anders kann man sich das
Nicht-Vorhandensein des akademischen Mittelbaus kaum erklären. Sein
schattenhaftes Nachleuchten in diesem Rechenschaftsbericht scheint nur
punktuell auf, als en passant aufgezählte statistische Größe. Dieses
merkwürdige Phänomen zu fassen plagt sich der zweifelnde Sinn:

Muß sich die Universität ihrer wiss. Mitarbeiter schämen?
Oder sind sie nicht erwähnenswert, weil alles in Butter ist?
Oder sind sie - wie schon im Vorjahr - mal wieder schlicht vergessen
worden? (Vergeßlichkeit ist keine Zier! Viel weiter käm' man ohne ihr.)

Drum sei daran erinnert - jedenfalls das kann man der Statistik
entnehmen - daß ohne die verschwiegenen Nachtschattengewächse keine Rede
sein könnte von erfolgreicher Lehre, von Krankenversorgung, von der
Betreuung wissenschaftlicher Einrichtungen und Geräte, der Mitarbeit in
der akademischen Selbstverwaltung und dem Impulse-Projekt und daß auch
unsere Kolleginnen und Kollegen, wie es von den Studierenden zu Recht
auf S. 34 gesagt wird, "Ideen, Zeit und Kraft im gemeinschaftlichen
Interesse" eingesetzt haben und immer wieder einsetzen.
Dieser Einsatz ist umso wichtiger, weil durchaus nicht alles in Butter
ist:

- Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses ist nach wie vor
schwierig, wenn sich seine Berufsperspektiven erst spät entscheiden. Da
sind viele schon 40 Jahre alt und älter und haben sich von Zeitvertrag
zu Zeitvertrag weitergehangelt - es geht um alles oder nichts. Was
können insbesondere die Geisteswissenschaften tun, um den Nachwuchs
früher zu qualifizieren? Immerhin ca. 30 % des Akademischen Mittelbaus
sind Frauen, aber nur etwa 6% der Professorenschaft. Insofern bedeutet
Förderung und Anerkennung des Akademischen Mittelbaus auch "angewandte"
Frauenförderung! Wenn Kolleginnen und Kollegen in ihrer Zeit im
Akademischen Mittelbau Anerkennung und Würdigung für ihre Arbeit
erfahren, fördert das die Wahrscheinlichkeit der Weiterqualifizierung.
Diese wiederum stärkt das Forschungsprofil der Universität, und dieses
zu stärken muß in Zeiten des Wettbewerbs der Universitäten ein Anliegen
jeder Universität sein.
- Wer nicht eine Professorenkarriere anstrebt, sondern Daueraufgaben im
akademischen Mittelbau übernehmen möchte, sollte zu einem vertretbaren
Zeitpunkt wissen, ob es eine Perspektive für eine Dauerstelle gibt.
Angesichts der von der Landesstrukturkommission angemahnten Reduktion
der Dauerstellen im Mittelbau auf 25 % ist daran zu erinnern, daß es
wenig sinnvoll ist, für Daueraufgaben wechselndes Personal
einzuarbeiten, wenn kontinuierliche Arbeit auf Dauerstellen gefragt ist.
- Bei den Lektoren, die Verantwortung in den Fremdsprachen in der
sprachpraktischen Ausbildung tragen, sind die außertariflich bezahlten
schlechter gestellt als die tariflich bezahlten (für sie gilt z.B. nicht
der Bewährungsaufstieg und nicht die tarifliche Altersteilzeit). Wieso
eigentlich??
- Die Mitglieder des akademischen Mittelbaus, die zu
Prüfungstätigkeiten herangezogen werden, werden zwar für Prüfungen des
Staatsexamens bezahlt, nicht aber für vergleichbare
Universitätsprüfungen. Prüfungsgebühren machen ohnehin niemanden reich;
desto weniger verständlich werden hier diskriminierende Unterscheidungen.

Die Liste fortzusetzen versage ich mir am diesem Punkt, um auf einen
ganz praktischen Vorschlag für den nächsten Rechenschaftsbericht zu
kommen. Die Vertretung des akademischen Mittelbaus bietet Ihnen, Herr
Rektor, an, zukünftig dem Rektorat auf einer knappen Seite ein paar
Fakten und Einschätzungen zur Verfügung zu stellen. Bitte nehmen Sie den
Mittelbau beim Wort!

Da vorhin so viel von nachtschattenden Verhältnissen die Rede war, ist
es an der Zeit, zum Schluß den Silberstreif am Horizont aufzuzeigen. Er
findet sich in der Grundordnung, so sie denn nachher in der vorliegenden
Form verabschiedet werden wird. Die Mitarbeit aller Gruppen ist in der
Präambel genannt und gefordert, ebenso im Universitätsrat und im
erweiterten Rektorat. In der Theorie sind wir also schon weiter und auf
einem für alle hoffentlich gedeihlichen Weg.