Stellungnahme zum Rechenschaftsbericht des Rektors für die Amtszeit 1996/97

(in der Sitzung des Großen Senats am 9.6.1997 vorgetragen von Dr. Margret Schuchard)

In persönlicher Akzentsetzung haben Sie, Herr Rektor, wieder einmal eine Standortbestimmung der Universität im Rechenschaftsbericht vorgenommen, die vielfältigen Aufgaben genannt und die Probleme dargelegt, die uns allen zur Zeit auf den Nägeln brennen. Der Rechenschaftsbericht bezeugt trotz der bedrückenden Rahmenbedingungen eine eindrucksvolle Leistungsbilanz der Universität, in der Ihre persönliche Leistungsbilanz enthalten ist.

Als Mitglieder dieser Universität und im besonderen als Angehörige des akademischen Mittelbaus haben wir allen Anlaß, Ihnen, Herr Rektor, ganz persönlich, aber auch allen, die mit Ihnen während der vergangenen sechs Jahre im Rektorat gearbeitet haben, herzlich Dank zu sagen! Aus der Sicht des Mittelbaus ist viel geschehen. Ihre Dialogbereitschaft hat die Dinge auf den Weg gebracht. Es bleibt noch viel zu tun, aber wichtige Schritte sind getan.

Sie erinnern sich an das jahrelang verfolgte Anliegen des Mittelbaus, in die Informations- und Mitsprachestrukturen auf Institutsebene besser eingebunden zu werden, und an Ihre eigene an-fängliche Skepsis, ob es nötig, ob es sinnvoll sei, und ob man es überhaupt förmlich regeln müs-se. Dann aber haben Sie dieses Anliegen doch als ein berechtigtes angesehen und es zusammen mit dem Kanzler so tatkräftig unterstützt, daß die im Bericht auf Seite 75f zitierte Ergänzung der Grundordnung zustande gekommen ist. Nun können also Institutsbeiräte im Rahmen einer VBO eingerichtet werden. Dort wo dieses inzwischen geschehen ist, hat sich das Modell - soweit ich weiß - hervorragend bewährt. Daß dem langjährigen Engagement des Mittelbaus in einer Sache, die gewöhnlich gar nicht in den Wahrnehmungshorizont vieler Ordinarien, geschweige denn des Rektors, fällt, auch einmal Erfolg beschieden wurde, war eine Erfahrung, die uns Mut macht.

Das novellierte UG sah unter bestimmten Voraussetzungen die Prüfungsbefugnis von Angehörigen des Mittelbaus vor. Bei der Auslegung des Gesetzes hat es Probleme gegeben, hier haben Sie eindeutig Stellung bezogen und dafür gesorgt, daß die Fakultätsräte die im Gesetz definierten Rechte auch zusprechen können.

Die Liste von Problemen, die auch den Mittelbau bewegen und die Sie wahrgenommen und aufgegriffen haben, ließe sich fortsetzen. Ich mache es kurz und greife einige Problemfelder heraus, die uns weiterhin beschäftigen werden:

- Eine wichtige Initiative des Rektorats sehen wir im nunmehr konstatierten Reformbedarf des Grundstudiums, wo viele von uns ihr besonderes Tätigkeitsfeld haben; der Mittelbau ist hier also auch angesprochen. Nun gilt es, die Senatsempfehlungen umzusetzen, damit die Studierenden in der Anfangsphase ihr eigenes Leistungsprofil deutlicher einschätzen können und ihr Weg in den ersten Semestern klarer konturiert wird.

- Beim wiss. Nachwuchs ist, wie Sie unter Punkt 4 dargelegt haben, vieles in Angriff genommen worden. Auch hier sind Empfehlungen des Senats erarbeitet worden, die in erster Linie den Habilitandinnen und Habilitanden gelten. Daß habilitationswürdige Leistungen nicht nur durch eine Habilschrift nachgewiesen werden können, sondern auch durch Publikationen anderer Art, stand zwar schon im Gesetz, wurde aber bislang in bestimmten Bereichen wenig praktiziert. Hier soll zum Nutzen der Betroffenen und der Wissenschaft die Breite der Möglichkeiten besser genutzt werden. - Erinnert sei nochmals an unsere Prioritätenfolge, auch wenn sie momentan schlecht durchzusetzen ist, daß in der Regel Stellen Vorrang vor Stipendien haben sollten.

- Promotionswillige Graduierte können sich über Graduiertenkollegs oder über das Landesgraduiertenförderungsprogramm um Stipendien bewerben. Beide Wege zur Dissertation haben sich bewährt, doch sollen die Schattenseiten nicht verschwiegen sein. Wegen fehlender Mittel konnten überhaupt keine Neuanträge auf Stipendien nach dem GFG bewilligt werden. Durch Graduiertenkollegs werden auch Erwartungen geweckt, die nicht eingelöst werden können. Mehr und mehr Promovierte aus den Graduiertenkollegs, besonders der Geisteswissenschaften, machen sich Hoffnungen auf eine Universitätskarriere, die ihnen gerade in diesen Zeiten nicht oder nur in sehr seltenen Ausnahmefällen offensteht. Das führt zu bitteren Enttäuschungen. Wohin soll der Nachwuchs denn nachwachsen?

- Die Situation des Mittelbaus ist geprägt von einem drohenden Abbau der Dauerbeschäftigten. Das Land hat bekanntermaßen im Auge, den Anteil der Dauerbeschäftigten auf 25 % zu reduzieren, wie Sie auf S. 98 ausgeführt haben. Wir teilen Ihre Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen auf die Lehrdeputate in den großen Sprachfächern. Wir meinen außerdem, daß nicht nur die Lehrdeputate betroffen sind, sondern daß eine drastische Reduzierung der Dauerstellen für das Funktionieren eines Seminars bzw. Instituts höchst problematische Folgen hätte. Zahlreiche Daueraufgaben müssen ja in vollem Umfang weiter wahrgenommen werden, können aber von einem reduzierten Dauerpersonal nicht mehr bewältigt werden, auch dann nicht, wenn einzelne Aufgaben den auf Zeit Beschäftigten übertragen würden. Die in ständigem Wechsel erforderliche Auswahl und Einarbeitung von Neupersonal übersteigt die Möglichkeiten des Dauerpersonals.

- Demnächst sollen die Dienstaufgaben der Dauerbeschäftigten überprüft werden, wie auf S. 97 im Rechenschaftsbericht ausgeführt wird. Mittels eines Fragebogens sollen dabei "die tatsächlichen Verhältnisse der Fächer" erfaßt werden, aber genau an dieser Stelle sehen wir Probleme. Denn ohne Rücksicht auf die verschiedenen Gegebenheiten der einzelnen Fächer legen einheitliche und damit zum Teil unrealistische Vorgaben die Arbeitsbedingungen für die Dauerbeschäftigten der Gesamtuniversität fest. Wir hoffen die diesbezüglichen Fragen mit der Personalabteilung noch klären zu können und bedanken uns für die Gesprächsbereitschaft.

Zum Schluß möchte ich noch ein paar Bemerkungen zu dem machen, was mir bei der spannenden und eindrucksvollen Lektüre Ihres Rechenschaftsberichts als erstes aufgefallen ist, Herr Rektor. Sie haben das Fazit Ihrer Erfahrungen mit Juvenal formuliert. Wenn es schwer ist, keine Satire zu schreiben, dann drückt sich in der Negativität der Formulierung ein profundes Unbehagen an den gegenwärtigen Zuständen aus, Enttäuschung und Zorn. Eigentlich ist der Schritt nicht mehr weit zur Resignation oder zum Zynismus. Dieser Satz von Juvenal ist vielen von uns aus unserer jeweiligen Perspektive auch immer wieder in den Sinn gekommen (mir vor allem während meiner Zeit als Frauenbeauftragte). Niemand von uns ist immun gegen diese Erfahrung. Sie haben Juvenal eher beiläufig zitiert, denn Sie wollen nicht lamentieren. Aber die Dinge müssen beim Namen genannt werden. Das ist auch ein schwieriges Unterfangen! Difficile est. Juvenal hat Satiren geschrieben, Sie haben der Versuchung widerstanden, den Rechenschaftsbericht als Satire zu schreiben. Aber Sie haben sich dennoch die Hoffnung des Satirikers bewahrt, daß Sie, indem Sie den "Mangel am Ideal" aufzeigen, vielleicht doch etwas in Richtung einer Wegkorrektur bewirken.

Auch und gerade dafür Dank!